Andachtsraum Göttingen

Mittendrin: Ich in der Bibel – die Bibel in meinem Leben

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/  3. März 2015  Evangelien, Neues Testament  , , , ,

Gute, spannende Bücher zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie die Leserin und den Leser in ihren Bann ziehen, ja mitten hinein ins Geschehen versetzen können. Dann vergisst man die Welt um sich herum. Auch biblische Geschichten können so eine Sogwirkung entfalten. Sie laden vielfältig dazu ein, sich in ihnen, in einzelnen Figuren wiederzuerkennen, wiederzufinden. Und eh man sich versieht, kommt man selbst in den Erzählungen vor. Identifikationsmöglichkeiten gibt es genügend. Hildegard Kelly-Oelen hat sich, ausgehend von ihrem Lieblingsbibelzitat, auf eine Entdeckungsreise quer durch die Heilige Schrift gemacht. Dies lädt zur Mitreise ein.

Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Matthäusevangelium 28,20

Einsender
Name: Hildegard Kelly-Oelen
Alter: -
Ort: -

Da Jesus uns zusagt, dass er bei uns ist alle Tage dieser Welt, so sind auch wir bei Gott/Jesus alle Tage unseres Lebens. Auch wir gehen mit Gott durch unser Leben und fühlen uns in vielen Situationen den Menschen in der Bibel verbunden, die schon vor uns ihre Gottesbegegnungen hatten. Es hilft mir, dass schon Menschen im Ersten/Alten und Zweiten/Neuen Testament ihre Erfahrungen mit schwierigen Situationen hatten und sie sich immer wieder auf Gott verlassen und vertrauen konnten.

Die Bibel ist mein Leben.
Mein Leben ist in der Bibel. Ich stehe schon drin, bevor ich denken, leben konnte.

Der Anfang ist unser aller Anfang, aber zuerst auch mein alleiniger Anfang. Wie bei der Schöpfung werde auch ich erschaffen. Jeder Teil an mir beginnt zu wachsen und zu atmen, mein Leben beginnt.

Bei Adam und Eva erkenne ich meine Umwelt, die Ge- und Verbote, das, was mir gut tut, und das, was mir schadet. Ich höre, was Gott mir sagt, und doch mache ich das, wonach mir der Sinn steht. Das Verbotene lockt zu sehr! Ich kann frei entscheiden, wähle jedoch fast immer den Umweg, den Weg weg von dem Vertrauten, dem paradiesischen Garten, der mir mit den Jahren zu klein wird, der mich einengt, unfrei macht. So gehe ich, zwar mit dem Wissen, dass ich mich von Gott entferne, aus dem beschützten Garten, dorthin, wo das Abenteuer auf mich wartet.

Wie die einzelnen Personen Abraham, Jakob, Mose und all die, denen Gott begegnete, um sie auf dem Weg zu leiten, der ins Leben führt, so gehe auch ich los ins Ungewisse und dort begegnet mir Gott. Ich erkenne, welcher Weg mir gut tut, wo ich mit mir und um mich kämpfe, um das Göttliche in mir zu spüren. Ich begegne Menschen, die für mich Wegweiser sind. Ich gehe durch Wüsten, durch Leere und Einsamkeit, bis ich wieder auf dem Weg, dem guten Weg bin.

All die Menschen in der Bibel, das bin ich. Jeder einzelne Abschnitt meines Lebens findet sich – vom Anfang bis zum Schluss – in der Bibel wieder. Ich muss nur genau hinschauen, um zu erkennen, in welcher Phase ich gerade bin. Ich durchwandere meine Wüsten, um zu erkennen, wer ich bin. Ich durchlaufe Täler und Gebirge, um den Sinn meines Seins zu ergründen. Ich kämpfe mit Gott, um Gott zu spüren. Ich verlasse meine Familie, um selbstständig, auf eigenen Füssen stehen zu können. Ich bekriege meine Gegner, um für das einzustehen, was für mich wahr ist.

In den Jesusgeschichten finde ich mich auch wieder.
Ich bin der Blinde, dem die Augen durch Jesus geöffnet werden müssen.
Ich bin der betrügerische Zachäus, der zuerst an sich denkt, in die eigene Tasche wirtschaftet, und doch die Nähe von Jesus sucht, weil er tief in sich spürt, dass Geld allein nicht glücklich macht, der nur einen Blick auf Jesus werfen will, ihn einmal sehen will, um sich zu ändern.
Ich bin in der Menschenmenge, die Jesus nachfolgt. Von ihm will ich gespeist werden, an ihn glauben, auf ihn all meine Hoffnung legen.
Ich bin der Händler, der aus dem Hause Gottes eine Markthalle macht.
Ich bin die gekrümmte Frau, die vom Leben so gebeugt wurde, und die die Hilfe Jesu benötigt, um aufrecht gehen zu können.
Ich bin der Gelähmte.
Ich bin die schon Tote, die von Jesus zum Leben wieder auferweckt werden muss.
Ich bin es, die im Testament auf der Suche ist, und die Jesus begegnet.

Aber ich bin nicht nur Begleiter Jesu, zeitweise bin auch ich dieser Jesus, der Unbequeme, der Provokante, der die Liebe verkündet durch Umdenken, der den eigenen Weg geht, ohne Rücksicht auf Familie, Freunde, Herkunft und die Traditionen des Landes. Der die Menschen zur Umkehr aufruft, der all ihre lieb gewonnenen Gewohnheiten in Frage stellt, der sagt: „Kehrt um, das Reich Gottes ist nahe“. Auch ich gehe diese Wege, folgen den Spuren Jesu, mit ihm als Begleiter und mit ihm als Geist, als Motor und Seele in mir.
Ich will Veränderung, mich und die Welt zum Guten ändern, und zahlen den Preis, der für Außenstehende oft zu hoch ist.
Und ich sterbe in Jesus, weil ich diesen Weg gehen muss, weil ich erkenne, dass ich die Welt nur ändern kann, wenn ich mich verändere.
Auch ich gehe einen Teil meines Lebens als meinen Kreuzweg, zwar nicht immer so radikal wie bei Jesus, aber ich trage meine Last, mein Kreuz und gehe meinen steinigen, steilen und gefährlichen Weg.

Die lieben Mitmenschen verändere ich nicht. Ich muss sie so lieben, wie sie sind. Sie ändern sich auch mir zu Liebe nicht, also liebe ich sie so, wie sie sind, und gehe meinen Weg alleine, für mich weiter. Den Weg, der mir richtig und gut erscheint. Ich gehe ihn bis zum Ende, weil nur wenige der Menschen verstehen, warum ich so bin, so handele und mich so verhalte.

Ich höre irgendwann auf zu kämpfen, weil ein Kampf sich nur lohnt, wenn ich gegen mich kämpfe. Wird der Kampf auf Kosten des Anderen oder zum Nachteil des Gegenübers ausgetragen, sollte ich aufhören. Ich zahle den Preis meines Lebens, weil ich, wie Jesus, den Glauben und das Wissen habe, dass nach diesem Leben ein Besseres auf mich wartet. Ein Leben im Reich Gottes, dessen Fundament durch mein Leben auf Erden gelegt und im ewigen Leben bei Gott vollendet wird.
Ich folge nicht nur den Spuren Jesu, ich bin (wie) Jesus.
Jesus lebt in mir und durch mich auf dieser Erde weiter.

Jeder Einzelne, seien es die aus dem Alten oder Neuen Testament, sei es Petrus oder Paulus, die Jünger oder die Gegner Jesu – das alles bin ich.
Ich verleugne Jesus, damit ich keinen Nachteil habe,
ich kämpfe und streite für Jesus, um das Wort Gottes in alle Welt zu bringen.
Ich stehe für das ein, was in meinen Augen im Namen Gottes erscheint, und manchmal verschweige ich es, um des lieben Friedens willen!
Bis ich eingehe in den Frieden bei Gott, bis ich das Göttliche in mir zum Glänzen gebracht habe, bis ich das Gute in mir hervorgekramt habe, das Böse in mir vernichtet habe.

Solange ich lebe, bin ich in der Bibel geschrieben. Die Bibel ist meine Biographie. Mein Anfang und mein Ende steht dort drin.
Ich bin es, die auf der Suche ist nach dem, der mich schuf, der mir begegnet und der mich liebt, der mich festhält und loslässt.
Ich stehe an unüberwindbaren Flüssen. Ich erkämpfe den Weg zum anderen Ufer – nur, um näher bei Gott zu sein. Und ich bin es, die in den Glanze Gottes eingehen wird und ewigen Frieden mit und in mir erhalte.

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Bild: Andachtsraum der Universitätsmedizin Göttingen (Foto: A. Stechmann)



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